Als ich mich vor Kurzem mit einem Bekannten per mail ausgetauscht habe, beschrieb ich das

 

PC Mikro Nikkor 85 mm/2,8 D

 

mit den Worten

 

„das Objektiv der Objektive“

 

Sich an dieser Stelle über die optischen und mechanischen Qualitäten auszulassen, hieße Eulen nach Athen zu tragen, denn sie sind Nikon-MF-typisch und über jeden Zweifel erhaben 

Vielmehr möchte ich hier nur über die Möglichkeiten und die Faszination im Umgang mit diesem Objektiv berichten. Denn was die Qualität anbelangt, so sprechen die Bilder für sich.

 Mein fotografischer Schwerpunkt liegt im Bereich der Natur- und Makrofotografie. Seit dem Erwerb meiner ersten Kamera vor mehr als 23 Jahren hat mich die Welt des Kleinen und Kleinsten fasziniert. Entsprechend meinen finanziellen Möglichkeiten bot sich für mich damals jedoch nur die Option der Makrofotografie mittels Nahlinsen an. Mit der Zeit kam ein Balgengerät, Zwischenringe und letztendlich ein Makroobjektiv hinzu. Zunächst ein MF 2,8/105 mm, dann ein AF 2,8/60 mm mit der Möglichkeit ohne weiteres Zubehör bis 1:1 fotografieren zu können. Zwischenzeitlich kristallisierte sich dann jedoch heraus, dass Aufnahmen jenseits der „natürlichen Größe“ bei manchen Betrachtern nicht den erhofften Anklang finden, da nicht auf Anhieb zu erkennen war, um was es sich dabei eigentlich handelt. Mehr Aufsehen erregten die Aufnahmen im Bereich 1:5 bis 1:1 – offensichtlich kann sich der nicht mit der jeweilige Materie beschäftigende Betrachter (anders als z. B. Biologen und Mineralogen) – außer dass es „schön aussieht“ - nichts mit den Bildern anfangen. Hingegen besitzen Aufnahmen von „bekannten“ oder schon einmal gesehenen Gegenständen einen wesentlich größeren Aufmerksamkeitswert. Eine Raupe oder ein Pilz gekonnt fotografiert erregen mehr Beachtung und eine längere Verweildauer beim Betrachten der Bilder, als ein extremer Ausschnitt aus einem sprossenden Buchenblatt. Somit fristet mein Balgengerät nur noch ein Schattendasein. 

Bedingt durch meinen Beruf hatte ich hin und wieder die Möglichkeit, mit einer Linhof Master-Technika zu fotografieren. Seit ich mich mit der Technik und den Möglichkeiten des Großformats näher auseinandergesetzt habe, war ich in steigendem Maße davon begeistert. Der limitierende Faktor – für mich als nicht kommerziell ausgerichteten Fotografen (Hobbyfotograf) – waren die nicht unerheblichen Folgekosten eines solchen Kamerasystems. Insbesondere die Film- und Entwicklungspreise und die Bindung an bestimmte – für diese Formate ausgerichtete – Labore hielten mich bislang von diesem Schritt ab. 

Als Nikon vor einiger Zeit dann dieses Objektiv angekündigt hatte, war für mich klar:

 

das ist mein Objektiv!

 

 Wenn ich meine jetzige Arbeitsweise im Bereich der Makrofotografie mit der vor dem Erwerb der Linse betrachte, muss ich mich wirklich fragen, ob ich damals nicht nur geknipst habe. Wie war es mir überhaupt jemals möglich, ohne die Option und der Faszination der Scheimpflug'schen Schärfekorrektur ernsthafte Makrofotografie zu betreiben (ausgenommen hiervon sind Insekten).

 Oftmals habe ich die Kamera mitsamt dem Objektiv auf das Stativ geschraubt, die Schärfe ungefähr hälftig eingestellt, je nach Bedarf den Blitz montiert und ausgelöst. Einige weitere Aufnahmen aus veränderten Perspektiven – das war’s dann auch schon. Hauptsache groß im Bild. Oftmals musste ich Wohl oder Übel ein gewisses Maß an verlaufender Unschärfe in Kauf nehmen, wenn ich nicht die Bildeinteilung zugunsten der Schärfe aufgeben wollte.Diese Einschränkungen gehören mit diesem Objektiv der Vergangenheit an. Sowohl eine harmonische Bildaufteilung als auch eine dem Motiv angepasste Scharfeinstellung sind nunmehr nicht länger unvereinbare Faktoren. 

 Als ich nach einigen Wochen des Wartens mein Wunschobjektiv endlich abholen konnte, hatte ich mir eine Woche Urlaub genommen, um es mit dem Fotografieren von Pilzen zu testen. Den meisten wird ja das Problem bekannt sein, dass die schönsten Pilze im Herbst überwiegend auf dem Boden wachsen. Also, Stativ aufgebaut, Zwischenring draufgeschraubt, das Objektiv auf die eine, die Kamera an die andere Seite und mich dahinter in den Matsch gekauert. Es hat ungefähr fünf, sechs Minuten gedauert, bis ich den richtigen Ausschnitt eingestellt hatte. (Ein bisschen dahin verschoben, ein bisschen dorthin gerückt) endlich stimmte der Ausschnitt. Mehrfach sehe ich durch den Sucher, überprüfe die Schärfeebene, berechne mit meiner selbstgebastelten Belichtungskorrekturscheibe die richtige Einstellung, überprüfe nochmals die Ausdehnung der Schärfentiefe, den Hintergrund, dann nochmals die Schärfenlage, bevor ich überhaupt daran denke, den Auslöser zu betätigen. Das „Arbeiten“ mit diesem Objektiv begeistert. 

Mittlerweile wird das Fotografieren mit diesem Objektiv zur Routine, von seiner Faszination jedoch hat es immer noch nichts eingebüßt. Meinem grünen Manfrotto habe ich mittlerweile einen modifizierten Anschlag verpasst, so dass sich die Beine annähernd 90° spreizen lassen und es auch in Bodennähe eingesetzt werden kann. Trotzdem besteht durch eine geringfügige Veränderung des Bildausschnittes beim Verschwenken bzw. beim Verschieben die Gefahr, nachher Teile eines Stativbeines ins Bild zu bekommen. Und einen Aufbau nochmals zu verrücken ist insofern problematisch, als das das Motiv (z. B. Spinnennetz) beschädigt werden könnte. Hier ist äußerste Vorsicht geboten.

Nachdem das Stativ entsprechend ein- und ausgerichtet ist, wird die Kamera mit dem Objektiv in die Schnellkupplung gesetzt. Ein erster Blick durch den Sucher ernüchtert. Chaos! Dann beginne ich nach und nach die einzelnen möglichen Einstellungen vorzunehmen. Zunächst wird die Schärfe auf den bildwichtigsten Bereich des Motivs gelegt, die Belichtung gemessen und an der Kamera eingestellt. Danach überlege ich, welche Schärfenebene das Motiv in seiner Wirkung unterstützen oder gar hervorheben kann und verdrehe das Objektiv (in 15° Rastungen möglich) damit die optimale Ebene annähernd treffend erfasst werden kann.

Zu guter Letzt verstelle ich die Optik entsprechend der Scheimpflug’schen Regel, überprüfe nochmals den Bildaufbau, den Ausschnitt und die Schärfenlage. Durch ein versuchsweises Abblenden des Objektivs kann die Wirkung der Tiefenschärfe im Sucher beurteilt werden. Hierbei sollten insbesondere störende Linien im Hintergrund beachtet werden, die zunächst augenscheinlich nicht ins Gewicht gefallen sind. Hier bietet sich dann auch nochmals die Gelegenheit, mögliche störende Gegenstände im Bildaufbau mittels verschieben des Objektives aus dem Bildaufbau zu verbannen – sofern man sich nicht entschließt, störende Gegenstände – je nach Ernsthaftigkeit der eigenen naturschutzrechtlichen Vorgaben – manuell aus dem Bildraum zu entfernen. 

Danach wird das Objektiv auf die Arbeitsblende geschlossen, indem der Abblendhebel eingedrückt wird, bis er einrastet. Der Sucher wird dunkel und man kann den Bildaufbau – sofern man außer den Sucheranzeigen noch etwas wahrnehmen kann – in seiner Wirkung und im Gesamteindruck nochmals abschließend beurteilen. 

 Ein Winkelsucher leistet hierbei wertvolle Hilfe, will man seinem Gesicht keine Schlammpackung verpassen; seither habe ich übrigens immer einen kleinen Vorrat an Mülltüten in der Fototasche. Wer eine Nikon F2 – 5 besitzt, kann auch auf einen Wechselsucher zurückgreifen.

(Siehe hierzu http://www.imagepower.de/IMAGES/imgEQUIPMENT/D_DW31.htm)

Die Einstellung der richtigen (mittels Scheibe errechneten) Belichtungseinstellung - unter Berücksichtigung der Korrekturfaktoren für das Verschwenken und die Schwarzschildkorrektur - ist dann nur noch Nebensache. 

Der Großformatfotograf wird während meiner vorangegangenen Beschreibung verständnisvoll geschmunzelt haben – denn genau so dürfte er vermutlich auch verfahren. Dass eine Aufnahme mehr Zeit in Anspruch nimmt, bzw. während einer Fototour deutlich weniger Aufnahmen „geschossen“ werden, verwundert nicht – außerdem hat mein „Ausschuss“ abgenommen 

Dem AF-verwöhnten Fotografen erscheint das Fotografieren eher umständlich. „Back to the Roots“ ist angesagt. Aber die Möglichkeiten, die sich mir mit diesem Objektiv bieten, sind einfach genial. Endlich die Schärfe dort, wo ich sie will und nicht die Standard-Makro-Optik sie mir vorgibt.

Während einer Fototour als ich noch damit beschäftigt war, die Einstellungen zu überprüfen, rief mir jemand vom Weg aus zu, ob es mir gut gehe und ob er mir helfen könne. Das ist Anteilnahme – und heutzutage auch nicht mehr selbstverständlich, dass man sich erkundigt, wenn jemand minutenlang auf dem Waldboden kauert. Ich bedankte mich jedoch artig für seine Sorge und erklärte dem Mann, was ich hier mache.

Ich dachte mir "und ob es mir gut geht. So gut wie nie zuvor; als ich noch ein stinknormales Makro hatte ... "

Die Möglichkeit, die Scharfeinstellung motiventsprechend so vornehmen zu können, wie ich sie mir in Gedanken vorstelle, ist für mich in der Makrofotografie mittlerweile zu einem unverzichtbaren Instrumentarium geworden. Die Brennweite liegt ideal zwischen dem 60er und dem 105er, was den freien Arbeitsabstand und den Ausschnitt anbelangt. War mir in der Vergangenheit das 60er oftmals zu nah dran, hatte ich mit dem 105er zwar weniger Probleme, zumal am Reprotisch aber der Ausschnitt erschien mir zu begrenzt. Das 85er hingegen deckt alles in idealer Weise für mich ab. 

Trotzdem gibt es auch bei diesem Objektiv einige Kleinigkeiten zu beachten und in der Handhabung zu berücksichtigen. Insbesondere im Naheinstellbereich ist bei direktem Sonnenlicht eine Sonnenblende zu empfehlen, da das vordere Linsenpaket doch ziemlich weit nach vorne ragt. 

 Hierbei ergeben sich mit dem Polfilter jedoch Handhabungsprobleme. Eine kleine – selbstangebrachte – Aussparung an der unteren Hälfte der Sonnenblende dürfte hier vermutlich Abhilfe schaffen. Ansonsten kommt es selbst bei verschwenktem oder verschobenem Objektiv weder mit einem Slim-line-Käsemann-Polfilter von B&W noch mit der optional erhältlichen Sonnenblende HB-22 zu einer merklichen Vignetierung. Wie es in der Kombination aussieht, habe ich bislang noch nicht ausgetestet, da ich kaum Architektur fotografiere und eine Einstellung aus Verschwenken und Verschieben bis in den Extrembereich bei mir zur absoluten Ausnahme gehört. Anders hingegen sähe es bei meinem zweiten „Traumobjektiv“ aus, nämlich einem PC Mikro Nikkor 20 mm/2,8 D mit einer Naheinstellgrenze von 20 cm.

Bei der kleinsten Blende ist im Nahbereich allerdings etwas Zurückhaltung geboten. Der optische Gesamteindruck im Hinblick auf die Schärfe lässt, wenn man eine 10fach-Lupe zu Rate zieht, etwas nach, was der Beugung zuzuschreiben sein dürfte. Auch ist diese Blende wohl eher einer Marketing-Strategie zuzuordnen, als dass sie als Gebrauchsblende betrachtet werden kann; dank Scheimpflugs genialer Idee dürfte eine Abblendung über Blende 16/22 hinaus in den seltensten Fällen erforderlich werden. 

 Sehr hilfreich wäre eine automatische Blenden- oder Belichtungskorrektur bei geshifteten und verschwenktem Objektiv. Ich habe mir deshalb für dieses Objektiv eine Rechenscheibe gebastelt, damit ich die Belichtungswerte umstellen kann, ohne vorher nachrechnen zu müssen. Außerdem habe ich auch die Schwarzschild-Korrekturfaktoren für meine gängigsten Filme darauf vermerkt. 

Ein weiteres kleines Manko ist die Tatsache, dass der SB-29 leider nicht für dieses Objektiv geeignet ist. Da Nikon mit diesem Objektiv eher auf die Table-Top- und Werbefotografen abzielt und weniger auf die Makrofotografen im Bereich der Naturfotografie, wurde bei der Konstruktion des SB-29 offensichtlich dieses faszinierende Objektiv außer Acht gelassen. Die überwiegende Mehrheit der Besitzer eines solchen, spezialisierten Objektives dürfte wohl eher eine entsprechende Studio-Beleuchtung einsetzen, denn sich mit den Problemen einer möglichst naturgetreuen Ausleuchtung zwischen Gebüschen herumschlagen.

 Inwieweit z. B. das Ringblitzgerät von Sunpack, das DX-12 R, mit den Nikon-Kameras und diesem Objektiv harmoniert, werde ich demnächst testen. Bislang konnte mir zu diesem Blitzgerät niemand eine erschöpfende Auskunft geben. Zudem rät Nikon in der Bedienungsanleitung zu diesem Objektiv von der Verwendung der TTL-Automatik im verschwenkten Zustand ab. Man wird sehen ...